Die „Ewig Heilende Frau“ – Warum weibliche Heilung persönlich UND politisch ist

Was für eine neue Reise! Es ist gerade so, als wenn ich einen neuen Planeten betrete und erforsche. Oder mir eine neue Brille gegeben wurde, durch die ich die Welt jetzt anders sehe… So ist es wohl, wenn man einen wirklich großen Bewusstseinssprung macht. In mir kommen so viele Erinnerungen hoch: Meine Kindheit, das ‚Role Model‘ meiner Mutter und all der anderen Frauen damals in meiner Familie und Umfeld. Da war absolut NIX in Richtung Feminismus, nada!

Und auch nicht im Studium der Politischen Wissenschaften (obwohl ich in der linken Ecke war). Ich war glaube ich zu sehr mit mir als junge Frau beschäftigt, wollte ankommen, gesehen und geliebt werden. Mein Gott, was war ich angepasst! Mir tut diese Frau von damals gerade so leid, was sie alles ertragen musste an Sprüchen, Grabschereien, Unterdrückung. All das hatte ich bis vor ca einem Jahr nie so in mein Bewusstsein gelassen, ich meine das strukturell patriarchalische, das mich geformt bzw. mich begrenzt hat.

Es wird Zeit, das alles anzuschauen, zu untersuchen und auch zu heilen. Denn es geht nicht nur um unsere persönliche Heilungsgeschichte, es geht um die historische und gesellschaftliche Heilung von uns Frauen.

Der ewige Heilungsmodus: Wenn das Opfer zur Patientin wird

Mir kam vor einigen Tagen der Begriff „Die ewig heilende Frau“ in den Kopf und ich wusste sofort, dass ich darüber schreiben wollte. Was meine ich mit der „ewig heilenden Frau“? Ich habe persönlich und aus meinem Umfeld und meiner Arbeit mit Frauen das Gefühl, dass wir alle eine Last tragen, uns von vielen Dingen heilen zu müssen. Und wir haben den Wunsch, dass wir endlich in einem schmerzfreien, leichten Leben ankommen, wenn wir uns alles in unserer Biografie angeschaut haben. Es fühlt sich an, als wenn es ewig braucht, die alte „Scheiße“ zu kurieren und es fühlt sich an, als wenn es nie aufhört, das eigenen Lebensglück zu belasten. Doch die Dimension ist größer, viel größer. Ich meine mit der „ewig heilenden Frau“, dass wir Frauen in einem endlosen Kreislauf der Selbstheilung gefangen sind – von Wunden, die uns auch (oder vor allem?) das patriarchale System zugefügt hat und weiterhin zufügt.

„Da hat sie schon wieder Kopfschmerzen.“ „Sie ist einfach zu empfindlich.“ „Sie sollte mal zum Therapeuten gehen.“ „Typisch Frau, immer diese Stimmungsschwankungen.“

Kennt ihr solche Sätze? Was hier passiert, ist perfide: Die Auswirkungen gesellschaftlicher Strukturen werden auf die einzelne Frau individualisiert. Wir funktionieren, nehmen die Aufgabe der Care-Arbeiterin in der Familie und Gesellschaft an, stellen unsere Bedürfnisse für die Gemeinschaft zurück, tragen den biologischen und körperlichen Preis von Schwangerschaft, Stillen, Muttersein und den Wechseljahren und schlagen uns in frauenfeindlichen Arbeitsumfeldern durch, um dort „unseren Mann“ zu stehen. Das System verletzt uns und sagt uns dann, dass wir das Problem sind. Dass wir uns heilen müssen. Immer und immer wieder.

Wir werden zu „ewig Heilenden“ gemacht – nicht weil wir defekt sind, sondern weil das System defekt ist.

Die Individualisierung kollektiver Traumata

Und wir tragen diese historische Wunde in uns, kollektiv, selbst wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Die Geschichte der Frauen ist eine Geschichte der systematischen Unterdrückung. Von den Hexenverfolgungen, bei denen schätzungsweise 40.000 bis 60.000 Menschen – zu etwa 80% Frauen – in Europa hingerichtet wurden, bis hin zu den alltäglichen Einschränkungen weiblicher Freiheit.

Hier sind weitere Beispiele für historische alltägliche Einschränkungen weiblicher Freiheit, die bis heute nachwirken:

  • Eigentumsrechte: Bis ins 20. Jahrhundert konnten Frauen in vielen Ländern kein eigenes Vermögen besitzen. In Deutschland wurde erst 1958 das Letztentscheidungsrecht des Ehemanns über Vermögensfragen abgeschafft.
  • Wahlrecht: Frauen erhielten in Deutschland erst 1918 das Wahlrecht, in der Schweiz sogar erst 1971 auf Bundesebene.
  • Berufsverbote: Bis in die 1970er Jahre benötigten verheiratete Frauen in Deutschland die Erlaubnis ihres Ehemannes, um arbeiten zu dürfen.
  • Bildungszugang: Universitäten waren für Frauen lange verschlossen – in Deutschland wurden Frauen erst ab 1900 zum Studium zugelassen.
  • Reproduktive Rechte: Die Selbstbestimmung über den eigenen Körper war lange nicht gegeben – Verhütungsmittel waren bis in die 1960er Jahre in vielen Ländern verboten oder nur schwer zugänglich.
  • Medizinische Forschung: Frauen wurden systematisch aus medizinischen Studien ausgeschlossen, was bis heute zu Wissenslücken bei frauenspezifischen Krankheitsbildern führt (das wird hier im Blog auch noch ein Thema!!!)
  • Kleidungsvorschriften: Die Bewegungsfreiheit von Frauen wurde durch einengende Kleidung wie Korsetts eingeschränkt, und ihr Erscheinungsbild strengen sozialen Normen unterworfen.
  • Verhaltensnormen: „Anständige“ Frauen durften nicht allein reisen, ausgehen oder bestimmte öffentliche Orte besuchen. Uns wurde beigebracht, zurückhaltend zu sprechen, nicht zu widersprechen und Meinungen als Fragen zu formulieren.
  • Lohnungleichheit: Frauenarbeit wurde systematisch unterbewertet – Fabrikarbeiterinnen erhielten oft nur die Hälfte des Lohns ihrer männlichen Kollegen.
  • Altersarmut: Die Kombination aus Lohnungleichheit, unbezahlter Care-Arbeit und unterbrochenen Erwerbsbiografien führte zu struktureller Altersarmut.
  • Kreative Unterdrückung: Schriftstellerinnen mussten unter männlichen Pseudonymen veröffentlichen (George Eliot, George Sand).
  • Wissenschaftliche Marginalisierung: Weibliche Wissenschaftlerinnen wurden ausgeschlossen oder ihr Beitrag nicht anerkannt (z.B. Rosalind Franklin bei der DNA-Entdeckung).
  • Pathologisierung von Intellekt: Frauen, die intellektuelle Interessen verfolgten, wurden als „unweiblich“ oder gesundheitlich gefährdet betrachtet.

Doch was passiert heute mit diesem kollektiven Trauma? Es wird zu einem persönlichen „Problem“ umgedeutet:

So kommt es dazu, dass die Frau, die unter den Folgen sexueller Belästigung leidet, in die Therapie kommt, anstatt dass die Gesellschaft das Problem der Belästiger löst. Oder dass die Frau, die unter der Doppelbelastung von Beruf und Familie zusammenbricht, einen „Burnout“ diagnostiziert bekommt, anstatt dass wir die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit hinterfragen. Und die Frau, die wütend wird angesichts alltäglicher Diskriminierung, „überempfindlich“ genannt, anstatt dass wir ihre berechtigte Wut anerkennen. Es ist, als würden wir einer Frau, die wiederholt geschlagen wird, Schmerzmittel geben, anstatt den Schläger zu stoppen.

Die historische Dimension des ewigen Heilens

Diese Muster haben eine lange Geschichte. Im Mittelalter wurden rebellische Frauen als „hysterisch“ bezeichnet – ein Begriff, der vom griechischen Wort für Gebärmutter stammt. Die „Behandlung“ bestand oft aus brutalen Methoden wie Zwangseinweisungen oder gar Genitalverstümmelungen.

Im 19. Jahrhundert wurde die „weibliche Hysterie“ zu einer gängigen Diagnose für praktisch jedes „unerwünschte“ weibliche Verhalten – von sexuellem Verlangen über intellektuelle Ambitionen bis hin zu Reizbarkeit und Müdigkeit.

Freud selbst bezeichnete die Hysterie als „das klassische weibliche Neurosemodell“ – und obwohl seine Arbeit bahnbrechend war, vertrat er auch die Idee, dass das Problem in uns Frauen selbst liege, nicht in den Bedingungen, unter denen wir lebten.

Heute haben wir modernere Begriffe, aber das Grundmuster bleibt: Frauen tragen die Last, sich von den Wunden zu erholen, die ein ungerechtes System ihnen zufügt.

Die Doppelbelastung der heilenden Heilerin

Das Perverse daran? Frauen werden nicht nur zu „ewigen Patientinnen“ gemacht – sie sind gleichzeitig auch die primären Heilerinnen der Gesellschaft: Weltweit stellen Frauen etwa 70% der Pflegekräfte im Gesundheitswesen. In Deutschland liegt der Anteil der Frauen in Pflegeberufen bei über 80%. Die „Mental Load“ – die emotionale Arbeit in Beziehungen und Familien – wird überwiegend von Frauen getragen.

Wir sollen also gleichzeitig die Wunden der Welt heilen UND uns von unseren eigenen erholen. Ein Wahnsinn! Eine unmögliche Aufgabe, die uns in einem Zustand permanenter Erschöpfung hält.

Persönliche Heilung ist politisch – aber nicht ausreichend

Versteht mich nicht falsch: Persönliche Heilungsarbeit ist wichtig und notwendig. Meditation, Therapie, Selbstfürsorge – all das ist unglaublich wertvoll. Ich selber habe mich seit über 20 Jahren mit meiner Heilung kindlicher Traumata beschäftigt und auch andere Frauen darin begleitet.

Aber seit einiger Zeit wird mir klar: Wenn wir glauben, dass unsere Heilung nur eine persönliche Angelegenheit ist, fallen wir in die Falle des Systems. Die wahre Heilung erfordert beides: persönliche UND kollektive Transformation.

Die US-amerikanische radikalfeministische Aktivistin Carol Hanisch, die in den späten 1960er Jahren und während der 1970er Jahre eine zentrale Figur der zweiten Welle der Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten war, prägte in den 1970er Jahren den Slogan „Das Persönliche ist politisch“. Diese Erkenntnis ist heute so relevant wie damals: Unsere „persönlichen“ Probleme sind Ausdruck politischer und gesellschaftlicher Ungleichheiten.

Vom Symptom zur Ursache: Die Verschiebung der Perspektive

Ich habe mich lange gefragt, warum ich mich öfter mal erschöpft fühle, warum ich diese Unsicherheit in mir habe oder die fehlende Klarheit in dem, was ich will. Warum ich trotz Selbstfürsorge, trotz Therapie, trotz all der Arbeit an mir selbst immer wieder an ähnliche Grenzen stoße. Jetzt verstehe ich immer mehr: Es liegt nicht (nur) an mir.

Es liegt an einem System, das von mir erwartet:

  • Perfekt zu funktionieren in einer Welt, die nicht für mich gemacht wurde
  • Mich anzupassen an Normen, die männliche Erfahrungen privilegieren
  • Ständig zwischen widersprüchlichen Erwartungen zu navigieren
  • Meine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um hauptsächlich für andere da zu sein

Kein Wunder, dass wir Frauen ausgelaugt sind. Kein Wunder, dass wir heilen müssen. Aber die Lösung kann nicht sein, dass wir immer besser darin werden, mit unmöglichen Bedingungen umzugehen. Die Lösung muss sein, die Bedingungen zu verändern. Yoga und Meditation reicht verdammt noch mal eben nicht aus!

Kollektive Heilung bedeutet kollektiver Widerstand

Was bedeutet das konkret? Es bedeutet, dass wir über die individuelle Heilung hinausgehen müssen. Wir sind aufgerufen:

  • Bewusstsein zu schaffen: Erkennen, dass unsere „persönlichen“ Probleme oft strukturelle Ursachen haben.
  • Gemeinschaft zu bilden: Uns mit anderen Frauen verbinden und unsere Erfahrungen teilen, um die Muster zu erkennen. Dazu lade ich hiermit ein!
  • Das System zu benennen: Klar an unterschiedliche Adressaten zu artikulieren, dass das Problem nicht bei uns liegt, sondern in den Strukturen, die uns unterdrücken bzw. uns nicht entfalten lassen.
  • Grenzen zu setzen: Nein sagen zu unrealistischen Erwartungen und ausbeuterischen Dynamiken. Gerade in beruflichen Kontexten!
  • Forderungen zu stellen: Konkrete Veränderungen einfordern – von gleicher Bezahlung bis hin zur gerechten Verteilung von Care-Arbeit.
  • Solidarität zu üben: Andere Frauen unterstützen, ihre Erfahrungen wertschätzen und anerkennen und gemeinsam für Veränderung eintreten.

Der Weg nach vorne: Von der ewigen Heilung zur nachhaltigen Transformation

Gibt es eine gute Nachricht dabei? Ja, denn dieser Bewusstseinswandel hat bereits begonnen. Immer mehr Frauen (und auch Männer) erkennen, dass das persönliche Wohlbefinden untrennbar mit gesellschaftlicher Gerechtigkeit verbunden ist.

Statt uns immer besser an ein kaputtes System anzupassen, können wir gemeinsam an einem System arbeiten, das uns nicht mehr verletzt:

  • Eine Gesellschaft, die Care-Arbeit wertschätzt und gerecht verteilt
  • Strukturen, die unterschiedliche Lebenserfahrungen respektieren
  • Institutionen, die auf die Bedürfnisse aller Menschen ausgerichtet sind
  • Beziehungen, die auf gegenseitigem Respekt und Gleichwertigkeit basieren

Meine persönliche Erkenntnis

Seitdem ich begann, meine eigenen Erfahrungen durch diese Brille zu betrachten, ändert sich etwas Grundlegendes in mir. Ich höre immer mehr auf, mich selbst für meine Erschöpfung, meine Wut, meine Unklarheit, meine Sprunghaftigkeit, meine „Überempfindlichkeit“ zu verurteilen.

Ich erkenne: Es ist nicht mein Versagen, dass ich mich in dieser Welt manchmal verloren fühle. Es ist das Versagen eines Systems, das nicht für mich als Frau gemacht wurde.

Diese Erkenntnis ist zutiefst befreiend. Sie nimmt mir nicht die Verantwortung für mein Leben ab – aber sie gibt mir die richtige Perspektive, um zu verstehen, womit ich eigentlich kämpfe.

Ein Aufruf zum gemeinsamen Handeln

Die „ewig heilende Frau“ – das bin ich, das bist du, das sind wir alle, die in einem ständigen Prozess der Genesung von den Wunden des Patriarchats leben.

Aber wir können aus diesem Kreislauf ausbrechen. Nicht indem wir aufhören zu heilen, sondern indem wir verstehen, dass unsere Heilung nicht nur persönlich, sondern auch politisch ist. Dass wir nicht nur uns selbst, sondern auch die Gesellschaft transformieren müssen.

Es ist eine große Aufgabe, ja. Aber wir müssen sie nicht allein bewältigen. Wir können es gemeinsam tun, Schritt für Schritt, Tag für Tag.

Ich lade dich ein, Teil dieser Bewegung zu sein. Teil einer Gemeinschaft von Frauen, die sich weigern, die alleinige Verantwortung für ihre Heilung zu übernehmen, und die stattdessen mutig auf die wahren Ursachen ihrer Verletzungen zeigen.

Denn nur wenn wir die Wurzeln des Problems erkennen, können wir nachhaltige Heilung finden – für uns selbst und für alle Frauen, die nach uns kommen.

Fühlst du dich auch manchmal wie eine „ewig heilende Frau“? Hast du erkannt, dass deine persönlichen Herausforderungen vielleicht strukturelle Ursachen haben? Teile deine Gedanken und Erfahrungen in den Kommentaren. Deine Geschichte könnte anderen Frauen helfen, ihre eigene Situation besser zu verstehen.


Über die Autorin: Als „Happy Feminist“ teile ich auf diesem Blog „Read-Feel-Heal“ meine persönliche Reise in die Frauenbewegung und schaffe einen Raum, in dem wir gemeinsam lesen, fühlen und heilen können.