Die revolutionäre Kraft des inneren Kindes: Warum Selbsterkenntnis das Patriarchat verändert

Wichtig vorab: Ich will in meinem Blog mit der Bezeichnung „Frauen“ und „Männer“ nicht definieren oder festschreiben, was und wer diese Geschlechter sind und dabei andere Geschlechteridentitäten ausgrenzen. Ich möchte vielmehr damit aufzeigen, wie das „Frausein“ und „Mannsein“ in unserer patriarchalen Gesellschaft definiert und durch Rollenzuschreibungen normiert wird. Mir ist klar, dass es nicht „die“ Frauen und „die“ Männer gibt und die Label „Frau“ und „Mann“ sind beide im Patriarchat entstanden und geformt. Ich bin eine Frau, weiß, ohne körperliche Behinderungen, aufgewachsen und sozialisiert in Westdeutschland und seit meinem 39. Lebensjahr in Dänemark. Mir ist es wichtig, aus dieser Perspektive, aus meiner Geschichte heraus und mit meinen Erfahrungen zu schreiben.

Ich habe in den vielen Jahren der Aufarbeitung und Heilung meiner eigenen Lebensreise und durch die Begleitung von so vielen Frauen, die ihre Kraft und ihren Weg verloren hatten, eines erkannt: Wir Menschen sind alle so lange nicht wirklich erwachsen, bis wir uns innerlich aufgeräumt und unsere Prägungen, Verwundungen und Formungen durch andere und die Gesellschaft verstanden und integriert haben.

Das sehen wir derzeit besonders deutlich in der Weltpolitik, in der große kleine Jungs die Fäden in der Hand haben und im wahrsten Sinne des Wortes „nicht wissen, was sie tun“. Es bleibt nur Kopfschütteln und die Hoffnung, dass das bald vorbeigeht. Es geht aber nicht einfach vorbei, weil schon seit Urgedenken solche unreifen „Kinder“ an der Macht sind und sie selber gar kein Bewusstsein über ihr kindliches Verhalten haben.

Doch dieses Thema gilt nicht nur für PolitikerInnen und EntscheidungsträgerInnen, es gilt ebenso im Privaten, bei Müttern, Vätern, Geschwistern, Freunden. Wir alle haben die große Aufgabe im Leben, erwachsen zu werden und dabei unsere kindlichen Gefühle und Bedürfnisse zu identifizieren und zu heilen.

Der Schlüssel: Das Kind in dir muss Heimat finden

Der Bestseller von Stefanie Stahl „Das Kind in dir muss Heimat finden“ ist seit zehn Jahren auf dem Markt, hat sich über 3 Millionen Mal verkauft und ist zum achten Mal in Folge auf Platz eins der Jahresbestseller-Liste gelandet. Für mich ist das Buch eines der besten Werkzeuge, um die eigene Persönlichkeit zu verstehen und das Denken, Fühlen und Handeln zu identifizieren, einzuordnen und zu verändern. Ein echter Verdienst für die „Rettung“ der Menschheit. Warum? Weil wir gesellschaftlich nichts bewegen und verändern können, wenn wir uns selbst nicht erkennen.

Der Weg nach innen als Weg nach vorn

Warum kann die Arbeit mit unserem inneren Kind tatsächlich die „Menschheit“ retten? Diese Frage mag übertrieben klingen, doch je tiefer ich in das Thema Feminismus und Patriarchat eintauche, desto klarer wird mir, dass die großen Probleme unserer Welt Spiegelungen unserer ungeheilten inneren Landschaften sind.

Patriarchat ist Ausdruck von Schmerzen

Wenn wir von „Patriarchat“ sprechen, reden wir nicht nur von einem abstrakten System. In Wirklichkeit sprechen wir von einer Jahrtausende dauernden Ansammlung von Verhaltensweisen, die aus ungeheilten Wunden, unbewussten Ängsten und verdrängten Bedürfnissen entstehen. Die Macht- und Kontrollstrukturen um uns herum sind letztlich Manifestationen unserer inneren Konflikte, persönlich entstanden und kollektiv in gesellschaftliche Strukturen gepackt.

Patriarchat ist heute nichts Abstraktes „da draußen“, sondern etwas, das wir täglich spüren und leben. Es zeigt sich in der Gehaltsverhandlung, sprich weniger Lohn für Frauen für die gleiche Arbeit, in Meetings, wo Redeanteile ungleich verteilt sind oder Frauen automatisch das Protokoll führen sollen. Es manifestiert sich in der Politik (nur etwa ein Drittel der Sitze im Bundestag für Frauen) und zuhause, wo Frauen mehr als 50% mehr unbezahlte Care-Arbeit leisten.

Was wir alle seit frühester Kindheit lernen, sind die ungeschriebenen Regeln dieses Systems: Für uns Mädchen heißt das oft „Sei lieb, sei leise, kümmere dich um andere zuerst“. Für Jungen hingegen „Sei stark, zeig keine Schwäche, setze dich durch“. Diese frühen Prägungen werden zu den inneren Stimmen, die uns ein Leben lang begleiten – bis wir sie bewusst erkennen und hinterfragen.

Die Verbindung: Patriarchat und inneres Kind

Genau hier liegt die entscheidende Verbindung zur inneren Kind-Arbeit: Die Muster, die Stefanie Stahl als typisch für unser „Schattenkind“ beschreibt – die Angst, zu viel Raum einzunehmen, die Sorge, nicht geliebt zu werden, wenn wir nicht „funktionieren“ – sind exakt die gleichen Verhaltensweisen, die besonders von Frauen gesellschaftlich erwartet werden.

Die Überlebensmuster, die wir als Kinder entwickeln mussten, werden im Patriarchat speziell bei Frauen belohnt und verstärkt: Zurückhaltung statt Selbstbehauptung, Anpassung statt Durchsetzung, Harmoniebedürfnis statt gesunder Konfliktfähigkeit. Was für ein Mist!

Warum so viele „erwachsene“ Menschen nicht erwachsen sind

Diese plötzlich aufkommende Scham, das Unterdrücken der eigenen Wünsche, das Gefühl „egoistisch“ zu sein, wenn man seine Bedürfnisse äußert… All diese Verhaltensweisen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind Überlebensstrategien, die wir als Kinder entwickelt haben, um in einer Welt zurechtzukommen, die oft nicht auf unsere wahren Bedürfnisse eingestellt war.

Ich selbst arbeite seit etwa 25 Jahren an diesen kindlichen Prägungen. Mit der Geburt meines ersten Sohnes kamen so viele Dinge in mir hoch, dass ich mir das anschauen musste.

Die schmerzhafte Erkenntnis: Wir reproduzieren, was wir nicht heilen

Als junge Mutter wurde mir in meiner damaligen Konfusion und Haltlosigkeit zum Glück klar: Was ich mir jetzt nicht anschaue und heile, das gebe ich weiter. An mein Kind. Und das wollte ich auf keinen Fall. Was ich damals noch nicht wusste: Wir reichen all das nicht nur an unsere Kinder weiter, sondern auch an unsere Partner, an unser Umfeld – und letztlich an die Gesellschaft. Die patriarchalen Strukturen werden nicht nur von Männern und Machthabern aufrechterhalten, sondern von uns allen, die wir unbewusst die Muster reproduzieren, die uns eingeprägt wurden.

Die kollektive Dimension des inneren Kindes

Was Stefanie Stahl beschreibt, hat eine Dimension, die über das Individuelle hinausgeht. Wenn wir von „Schattenkind“ und „Sonnenkind“ sprechen, sprechen wir auch von kollektiven Erfahrungen. Besonders für Frauen gibt es nach meiner Erfahrung viele gemeinsame Schattenkind-Botschaften:

  • „Sei nicht zu laut“
  • „Nimm nicht zu viel Raum ein“
  • „Deine Wut ist unangemessen“
  • „Kümmere dich zuerst um andere“
  • „Dein Wert liegt in deinem Aussehen und deiner Fürsorglichkeit für andere“

Diese Botschaften bilden ein kollektives „Schattenland“, in dem viele Frauen ihr wahres Potential zurückhalten müssen.

Der revolutionäre Akt der Selbsterkenntnis

Hier liegt die revolutionäre Kraft der Selbsterkenntnis: Wenn wir verstehen, dass unsere persönlichen Kämpfe Teil eines größeren Musters sind, können wir beginnen, uns sowohl individuell als auch kollektiv herauszulösen.

Die Arbeit mit dem inneren Kind war für mich lange „nur“ ein Weg zur persönlichen Heilung. Doch jetzt verstehe ich mehr und mehr, dass sie darüber hinaus ein Weg des Widerstands gegen ein patriarchales System ist, das von unserer Unbewusstheit profitiert. Denn nichts bedroht patriarchale Strukturen mehr als Menschen – besonders Frauen – die ihre eigenen Muster durchschauen, ihre Stimme wiederfinden und ihre Grenzen setzen.

Vom persönlichen zum politischen Bewusstsein

In meiner eigenen Reise habe ich erfahren, wie die Heilung meines inneren Kindes meine Fähigkeit verändert hat, mit der Welt umzugehen. Wo ich früher aus unbewussten Mustern heraus funktionierte, kann ich heute selbstbewusstere Entscheidungen treffen. Ich „please“ nicht mehr oder zumindest nur noch selten.

Diese Bewusstheit hat verändert, wie ich meine Partnerschaft lebe, wie ich arbeite, wie ich kommuniziere. Auch dieser Blog ist eine „Errungenschaft“ dieser Arbeit. Mein „Schattenkind“ hatte immer den zentralen FETTEN Glaubenssatz: „Keiner interessiert sich für mich“ … kein Wunder, dass ich viele Ideen nicht verwirklichte.

Der Weg nach vorn: Kollektive Heilung

Wenn genügend von uns diesen Weg gehen – den Weg der bewussten Auseinandersetzung mit unseren Prägungen – wird sich etwas Fundamentales in unserer Gesellschaft verändern müssen. Denn Systeme können nur so lange bestehen, wie genügend Menschen unbewusst ihre Rollen darin spielen. Wichtig: Die Männer müssen hier mitmachen, denn ohne sie werden wir das Patriarchat nicht beenden können. Ich hoffe daher sehr, dass von den über 3 Millionen Leser*innen des Buches von Stefanie Stahl viele Männer sind, die wiederum andere Männer mitziehen.

Stell dir vor, was passieren würde, wenn Millionen von Menschen ihre alten Überlebensstrategien ablegen und aus ihrer authentischen Kraft heraus leben würden. Wenn wir nicht mehr aus Angst, Scham oder unerfüllten kindlichen Bedürfnissen heraus handeln würden, sondern aus einem tiefen Verständnis dessen, wer wir wirklich sind. Das wäre keine kleine Veränderung. Es wäre eine feministische Revolution!