Schonungslos und frei

Darf man das? Schonungslos und ehrlich sein? Schonungslos und damit frei? Ich habe mehr und mehr Sehnsucht danach, denn ich habe das Gefühl, dass mich in der Welt da draußen so viel Unwahres umgibt. Es geht immer mehr um das vermeintlich „Richtige“, das „politisch und gesellschaftlich Korrekte“. Überall wird sorgsam abgewägt, was man noch sagen darf und vor allem wie. Klar, wir wollen niemandem auf die Füße treten, niemanden ausgrenzen und diskriminieren. Absolut richtig für mich. Aber dabei sind wir so unmarkant geworden, so gleich, so farblos. Und eben nicht mehr echt.

Alle haben zunehmend Angst, nicht mehr „mainstream“ und anerkannt, gar geliebt zu sein. Die Quantität der Follower und Freunde geht über alles, die Qualität steht hinten an. Und das Echte erst recht.

Der große Rückzug

Seit einiger Zeit ziehe ich mich immer mehr aus Social Media zurück. Eine Art „Kampf“, den ich seit fast zehn Jahren mit mir auskämpfe. Zu den Gründen, warum, komme ich noch… Aber was ich erst einmal sagen möchte ist, dass Social Media ein einziges Abziehbild unserer Konformität geworden ist. Und dass mich das kolossal langweilt!

Egal was dort in die Welt geschrien, geweint und performed wird, es ist zum überwiegenden Teil angepasst, lauwarm und vor allem viel Deko. Kein Wunder, denn der Algorithmus entscheidet darüber, was weitergetragen werden darf und was nicht. Nicht zu viel Haltung, gerne wenig Meinung und vor allem überaus korrekt in alle Richtungen. Da bleibt nur weich Gespültes, gut Aufgepepptes und vor allem nichts Kantiges zurück.

Alle spielen dieses Spiel mit und immer mehr leiden darunter. Aber es gibt anscheinend keinen Weg mehr zurück… Oder doch?

Die Entscheidung

Ich persönlich habe mich dafür entschieden, dieses Spiel nicht mehr mitzuspielen. Weil es mir nicht guttut. Weil es mein Nervensystem belastet. Weil es mir meine Energie raubt. Weil ich Lebenszeit verliere mit jeder Minute, die ich dort verbringe.

Ja, das hat Konsequenzen. Keine Follower, keinen neuen Buchvertrag? Keine Follower, kein Geld auf dem Konto? Keine Follower, kein Dach über dem Kopf? Was denken wir eigentlich, wenn wir aussteigen aus dem irren Social Media Zirkus?

Ich habe beschlossen, nichts mehr zu denken. Zumindest nicht darüber.

Schonungslos leben

Ich habe beschlossen, schonungsloser zu leben. Schonungsloser mir gegenüber. Mich nicht mehr zu schonen und in meiner Komfortzone auszuharren, mit Schreibblockade und dem Gedanken, dass sich keiner für mich und meinen „Senf“ im Kopf und Herzen interessiert.

Schonungslos gegenüber den vermeintlich „anderen“ da draußen, denen ich jetzt mein Ich und mein Sein zumute. Schonungslos meiner Angst gegenüber, der ich jetzt die Stirn biete.

Ich habe Bock auf Echtheit, auf Aussagen, auf Diskussion. Und ich habe keinen Bock mehr, mich nach außen als etwas zu verkaufen, das ich nicht bin.

Was wäre, wenn wir aufhören würden, uns permanent zu optimieren für die Blicke anderer? Was wäre, wenn wir stattdessen anfangen würden, uns zu zeigen – mit allem, was dazugehört? Mit den Zweifeln, den schlechten Tagen, den ungelösten Fragen, den Widersprüchen in uns?

Eine Einladung

Wir müssen uns nicht voreinander schonen. Und nicht permanent die schöne, glatte, faltenfreie Seite zeigen. Wir dürfen die Deko abhängen, die Girlanden und den Glitzer einpacken, und uns begegnen, wie wir sind.

Ich will mehr lesen und sehen, was mich berührt, was Ecken und Kanten hat, Auf und Abs, Kurven und Umwege, Sackgassen und Fluchtwege. Ich will echte Geschichten hören – die, die wehtun, die verwirren, die keine einfachen Antworten haben.

Vielleicht ist das der wahre Luxus unserer Zeit: Die Erlaubnis, unperfekt zu sein. Die Freiheit, zu scheitern und darüber zu sprechen. Der Mut, zu sagen, was ist, anstatt das zu zeigen, was erwartet wird.

Zeigt euch schonungslos und frei. Ich werde es.

Die befreiende Kraft weiblicher Wut – Warum niemand „Angry Women“ mag

Mein Handy piept und ich bekomme von meiner Freundin einen Videolink zugespielt. Ich öffne ihn sofort, sehe eine Frau im roten Lackoutfit, die mit wütendem Blick und aggressiver Stimme ihre Wut raus singt: „Angry women“ von YAENNIVER und Eunique.

Ich verfalle sofort der krassen Präsenz der Sängerinnen als auch der Musik, der Text holt mich mit jedem Wort ab. Zum Glück gehe ich gerade am Wasser spazieren und habe Zeit. Ich suche den Song auf meiner Musik-App und per Knopfdruck auf „Ewigschleife“ höre ich die wütende Frau immer und immer wieder. Die Worte dringen immer mehr zu mir, suchen sich den Weg bis tief in mein System:

„Mit jedem „Komm, lass mich ma‘ machen“ wird es immer stärker
Mit jedem „Mäuschen, ich erklär’s dir“ werd‘ ich nur noch härter
Mit jedem „Richtig geiler Arsch“ geht das immer tiefer
Alter, sag nicht, ich soll lächeln, denn das macht mich aggressiv,
Mann
Niemand mag Angry Women ..!

Wir sind nicht zu sensibel, zu empfindlich, wir sind wütend
Wir sind nicht menstruierend und hysterisch, wir sind wütend
Wir sind nicht zickig oder schlecht erzogen, wir sind wütend
Wir sind nicht impulsiv und ungefickt, nein, wir sind wütend
Niemand mag Angry Women …“

YAENNIVER – ANGRY WOMEN (Official Video)

Mir kommen die Tränen und meine Hand in der Manteltasche formt sich zur Faust. In mir kommt Wut hoch, so stark und so mächtig, dass ich froh bin, dass ich niemandem begegne.

Alle möglichen Bilder steigen in mir auf: Mein Vater, wie er meine Mutter wieder und wieder kleinmacht, mein Sportlehrer, der uns Mädchen bei der „Hilfestellung“ im Bockspringen immer an den Busen fasste, die junge Frau, die ich damals aus Angst vor ihrem Mann in das Frauenhaus gebracht habe, mein Chef, der mich in meinem ersten Job im Kopierraum angrabschte, der andere, der mir sagte, dass er mich nur wegen meines Aussehens eingestellt hat. Die Erinnerungen ploppen nur so in mir hoch, die Musik macht das möglich.

Die Wut ist da. Endlich.

Warum mag niemand „Angry Women“?

Warum endlich? Weil auch ich sie unterdrücke, oft unterdrückt habe. Weil ich auf meine Wut oft erschrockene und ablehnende Reaktionen bekommen habe. Weil wir Frauen sofort merken, dass unsere Wut fehl am Platze ist. Lautstarker Ärger, deutlich Position beziehen und dies womöglich noch mit Gesten und Worten unmissverständlich zu unterstreichen, gilt schnell als unweiblich. „Die hat ja Haare auf den Zähnen“ wird dann gesagt. Die Frau wird als anstrengend, zickig und vor allem unfeminin abgestempelt. Daher halte auch ich mich zurück, um nicht aufzufallen, um mich nicht auszugrenzen, um lieber unsichtbar statt auffallend zu sein. Wir Frauen sollen doch lieber sanft und lieb sein. Verständnisvoll und empathisch. Immer schön in der Liebe sein. So ist es gewollt.

Weibliche Wut ist nicht gesellschaftsfähig. Wenn wir Frauen Ärger oder Unzufriedenheit ausdrücken und das auch noch laut und mit deutlichen Gefühlswallungen und grimmigem Gesichtsausdruck, wird unsere Wut oft unter die Kategorie „zu emotional“ oder „hysterisch“ abgestempelt. Hysterie muss ich in diesem Zusammenhang mal googeln: „Die ‚hysterische Frau‘ ist ein Konstrukt, das bis ins antike Griechenland zurückreicht – der Begriff leitet sich vom griechischen Wort für Gebärmutter (hystera) ab. Schon damals wurde also weibliche Emotionalität als Krankheit betrachtet, die durch ein Organ verursacht wird, das nur Frauen besitzen.“ Krass!

Wut ist nicht gleich Wut

Ein Mann, der ordentlich auf den Tisch haut, ist „durchsetzungsstark“. Eine Frau, die dasselbe tut, ist „emotional instabil“. Ein Mann, der seine Meinung lautstark vertritt, ist „selbstbewusst“. Eine Frau mit der gleichen Verhaltensweise ist „aggressiv“ oder „schwierig“. Ein Mann, der Grenzen setzt, wird respektiert. Eine Frau wird als „zickig“ abgestempelt.

Beide Geschlechter haben Emotionen, doch der Ausdruck dieser wird unterschiedlich bewertet. Die Wut der Frauen wird dabei immer eher als Schwäche gesehen und als Ausdruck fehlender Souveränität. Oder noch schlimmer, sie wird hergeleitet aus Menstruationsproblemen, zu wenig Sex oder der Krise in den Wechseljahren. Ja, ja, die lieben Hormone.

Ich denke, dass fast jede Frau den Spruch „Na, die ist wohl schlecht gefickt“ entweder selber einstecken durfte oder Zeuge bei einer anderen Frau war. Und das ist nur ein Beispiel.

Die weibliche Wut ist unzähligen Stigmas behaftet, dabei ist Wut schlichtweg eine der Grundemotionen des Menschen, egal welchen Geschlechts. Wut ist mehr als nur ein unangenehmes Gefühl – sie ist ein unverzichtbares Warnsystem und eine lebenswichtige Ressource, besonders für Frauen. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung: Wut entsteht nicht zufällig. Sie ist ein Signal dafür, dass unsere persönlichen Grenzen verletzt wurden. In einer Welt, in der die Grenzen von Frauen seit Jahrtausenden systematisch missachtet werden, ist diese Signalfunktion überlebenswichtig. Anders als Trauer oder Angst, die uns oft nach innen ziehen oder erstarren lassen, gibt uns Wut Energie. Sie aktiviert uns körperlich und seelisch. Diese Energie ist der Treibstoff, den wir brauchen, um aus unterdrückenden Strukturen auszubrechen und Veränderungen anzustoßen – persönlich und gesellschaftlich.

Die Angst vor weiblicher Wut

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Unsere Gesellschaft hat Angst vor wütenden Frauen, weil Wut eine Kraft ist, die Veränderung bewirken kann. Weil eine wütende Frau nicht mehr bereit ist, sich anzupassen, zu lächeln, zu schlucken, zu dulden. Eine wütende Frau sagt „Genug!“ – und das ist bedrohlich für ein System, das davon profitiert, dass Frauen funktionieren und nicht aufbegehren.

Wut ist ein Signal, dass Grenzen überschritten wurden. Sie zeigt uns, dass etwas nicht stimmt – nicht mit uns, sondern mit der Situation, in der wir uns befinden. Sie ist ein gesunder Mechanismus, der uns schützt und uns die Energie gibt, für uns selbst einzustehen.

Doch statt diese Wut anzuerkennen, werden wir gelehrt, sie zu unterdrücken. Schon als kleine Mädchen lernen wir: Sei nett. Sei rücksichtsvoll. Stell deine Bedürfnisse zurück. Lächle.

Die unterdrückte Wut und ihre Folgen

Was passiert mit all der unterdrückten Wut? Sie verschwindet nicht einfach. Sie richtet sich nach innen und manifestiert sich in Depressionen, Ängsten, chronischen Schmerzen, Erschöpfung – all den „Frauenleiden“, die dann wieder individualisiert und als persönliches Problem behandelt werden.

Ich denke an all die Frauen, die ich kenne, die unter unerklärlichen körperlichen Beschwerden leiden. Die Freundin mit der chronischen Migräne. Die Kollegin mit dem Reizdarmsyndrom. Die Nachbarin mit der Fibromyalgie. Was hatten meine körperlichen Beschwerden der letzten Jahre damit zu tun? Wie viele Symptome sind eigentlich unterdrückte Wut, die keinen anderen Ausweg findet?

Die befreiende Kraft der Wut

Der Song von YAENNIVER spricht mir aus der Seele, weil er diese verdrängten Gefühle endlich benennt und ihnen Raum gibt. Er erlaubt MIR und uns Frauen, wütend zu sein – ohne Entschuldigung, ohne Abschwächung.

Und genau das brauchen wir, das brauche ich: Die Erlaubnis, unsere Wut zu spüren und zu zeigen. Nicht als destruktive Kraft, sondern als Katalysator für Veränderung. Als „Antenne“, die uns zeigt, wo etwas nicht stimmt. Als Energie, die uns antreibt, für uns selbst einzustehen.

Wut kann heilsam sein, wenn wir sie richtig nutzen. Sie kann uns helfen, alte Verletzungen zu verarbeiten. Sie kann uns die Kraft geben, Grenzen zu setzen. Sie kann uns verbinden in unserer gemeinsamen Erfahrung.

Von der Wut zur Veränderung

YEANNIVERs Song setzt meine Wut frei. Das Lied wird tagelang zu meinem Begleiter. Ich überlege, was ich mit dieser Energie tun werde. Welche Grenzen ich setzen muss. Welche Veränderungen ich anstoßen will. Dieser Blog ist ein Ergebnis dieses Prozesses.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir „Angry Women“ uns zusammentun. Dass wir unsere Wut nicht mehr verstecken, sondern sie als das anerkennen, was sie ist: ein gesunder Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt – nicht mit uns, sondern mit einer Gesellschaft, die uns für unsere natürlichen Reaktionen auf Ungerechtigkeit verurteilt.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir verstehen: Unsere Wut ist nicht das Problem. Sie ist der Anfang der Lösung.

Über die Autorin: Als „Happy Feminist“ teile ich auf diesem Blog „Read-Feel-Heal“ meine persönliche Reise in die Frauenbewegung und schaffe einen Raum, in dem wir gemeinsam lesen, fühlen und heilen können.

Mein Handy piept und ich bekomme von meiner Freundin einen Videolink zugespielt. Ich öffne ihn sofort, sehe eine Frau im roten Lackoutfit, die mit wütendem Blick und aggressiver Stimme ihre Wut raus singt: „Angry women“ von YAENNIVER.

Ich verfalle sofort der krassen Präsenz der Sängerin als auch der Musik, der Text holt mich mit jedem Wort ab. Zum Glück gehe ich grad am Wasser spazieren und habe Zeit. Ich suche den Song auf meiner Musik-App und per Knopfdruck auf „Ewigschleife“ höre ich die wütende Frau immer und immer wieder. Die Worte dringen immer mehr zu mir, suchen sich den Weg bis tief in mein System:
„Mit jedem „Komm, lass mich ma‘ machen“ wird es immer stärker
Mit jedem „Mäuschen, ich erklär’s dir“ werd‘ ich nur noch härter
Mit jedem „Richtig geiler Arsch“ geht das immer tiefer
Alter, sag nicht, ich soll lächeln, denn das macht mich aggressiv,
Mann
Niemand mag Angry Women 
..!

und dann ….

Wir sind nicht zu sensibel, zu empfindlich, wir sind wütend
Wir sind nicht menstruierend und hysterisch, wir sind wütend
Wir sind nicht zickig oder schlecht erzogen, wir sind wütend
Wir sind nicht impulsiv und ungefickt, nein, wir sind wütend

Niemand mag Angry Women …“

Mir kommen die Tränen und meine Hand in der Manteltasche formt sich zur Faust. In mir kommt Wut hoch, so stark und so mächtig, dass ich froh bin, dass ich niemandem begegne.
Alle möglichen Bilder steigen in mir auf: Mein Vater, wie er meine Mutter wieder und wieder kleinmacht, mein Sportlehrer, der uns Mädchen bei der „Hilfestellung“ im Bockspringen immer an den Busen fasste, die junge Frau, die ich damals aus Angst vor ihrem Mann in das Frauenhaus gebracht habe, mein Chef, der mich in meinem ersten Job im Kopierraum angrabschte, der andere, der mir sagte, dass er mich nur wegen meines Aussehens eingestellt hat. Die Erinnerungen ploppen nur so in mir hoch, die Musik macht das möglich.
Die Wut ist da. Endlich.

Warum mag niemand „Angry women“?

Warum endlich? Weil auch ich sie unterdrücke, oft unterdrückt habe. Weil ich auf meine Wut oft erschrockene und ablehnende Reaktionen bekommen habe. Weil wir Frauen sofort merken, dass unsere Wut fehl am Platze ist. Lautstarker Ärger, deutlich Position beziehen und dies womöglich noch mit Gesten und Worten unmissverständlich zu unterstreichen, gilt schnell als unweiblich. „Die hat ja Haare auf den Zähnen“ wird dann gesagt. Die Frau wird als anstrengend, zickig und vor allem unfeminin abgestempelt. Daher halte auch ich mich zurück, um nicht aufzufallen, um mich nicht auszugrenzen, um lieber unsichtbar statt auffallend zu sein. Wir Frauen sollen doch lieber sanft und lieb sein. Verständnisvoll und empathisch. Immer schön in der Liebe sein. So ist es gewollt.

Weibliche Wut ist nicht gesellschaftsfähig. Wenn wir Frauen Ärger oder Unzufriedenheit ausdrücken und dass auch noch laut und mit deutlichem Gefühlswallungen und grimmigem Gesichtsausdruck , wird unsere Wut oft unter die Kategorie „zu emotional“ oder „hysterisch“ abgestempelt. Hysterie muss ich in diesem Zusammenhang mal googlen: „Die „hysterische Frau“ ist ein Konstrukt, das bis ins antike Griechenland zurückreicht – der Begriff leitet sich vom griechischen Wort für Gebärmutter (hystera) ab. Schon damals wurde also weibliche Emotionalität als Krankheit betrachtet, die durch ein Organ verursacht wird, das nur Frauen besitzen.“ Krass!

Wut ist nicht gleich Wut

Ein Mann, der ordentlich auf den Tisch haut, ist „durchsetzungsstark“. Eine Frau, die dasselbe tut, ist „emotional instabil“. Ein Mann, der seine Meinung lautstark vertritt, ist „selbstbewusst“. Eine Frau mit der gleichen Verhaltensweise ist „aggressiv“ oder „schwierig“. Ein Mann, der Grenzen setzt, wird respektiert. Eine Frau wird als „zickig“ abgestempelt.

Beide Geschlechter haben Emotionen, doch der Ausdruck dieser wird unterschiedlich bewertet. Die Wut der Frauen wird dabei immer eher als Schwäche gesehen und als Ausdruck fehlender Souveränität. Oder noch schlimmer, sie wird hergeleitet aus Mentruationsproblemen, zu wenig Sex oder der Krise in den Wechseljahre. Ja, ja, die lieben Hormone.
Ich denke, dass fast jede Frau den Spruch „Na, die ist wohl schlecht gefickt“ entweder selber einstecken durfte oder Zeuge bei einer anderen Frau war. Und das ist nur ein Beispiel.

Die weibliche Wut ist unzähligen Stigmas behaftet, dabei ist Wut schlichtweg eine der Grundemotionen des Menschen, egal welchen Geschlechts. Wut ist mehr als nur ein unangenehmes Gefühl – sie ist ein unverzichtbares Warnsystem und eine lebenswichtige Ressource, besonders für Frauen. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung: Wut entsteht nicht zufällig. Sie ist ein Signal dafür, dass unsere persönlichen Grenzen verletzt wurden. In einer Welt, in der die Grenzen von Frauen seit Jahrtausenden systematisch missachtet werden, ist diese Signalfunktion überlebenswichtig. Anders als Trauer oder Angst, die uns oft nach innen ziehen oder erstarren lassen, gibt uns Wut Energie. Sie aktiviert uns körperlich und seelisch. Diese Energie ist der Treibstoff, den wir brauchen, um aus unterdrückenden Strukturen auszubrechen und Veränderungen anzustoßen – persönlich und gesellschaftlich.

Die Angst vor weiblicher Wut

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Unsere Gesellschaft hat Angst vor wütenden Frauen, weil Wut eine Kraft ist, die Veränderung bewirken kann. Weil eine wütende Frau nicht mehr bereit ist, sich anzupassen, zu lächeln, zu schlucken, zu dulden. Eine wütende Frau sagt „Genug!“ – und das ist bedrohlich für ein System, das davon profitiert, dass Frauen funktionieren und nicht aufbegehren.

Wut ist ein Signal, dass Grenzen überschritten wurden. Sie zeigt uns, dass etwas nicht stimmt – nicht mit uns, sondern mit der Situation, in der wir uns befinden. Sie ist ein gesunder Mechanismus, der uns schützt und uns die Energie gibt, für uns selbst einzustehen.

Doch statt diese Wut anzuerkennen, werden wir gelehrt, sie zu unterdrücken. Schon als kleine Mädchen lernen wir: Sei nett. Sei rücksichtsvoll. Stell deine Bedürfnisse zurück. Lächle.

Die unterdrückte Wut und ihre Folgen

Was passiert mit all der unterdrückten Wut? Sie verschwindet nicht einfach. Sie richtet sich nach innen und manifestiert sich in Depressionen, Ängsten, chronischen Schmerzen, Erschöpfung – all den „Frauenleiden“, die dann wieder individualisiert und als persönliches Problem behandelt werden.

Ich denke an all die Frauen, die ich kenne, die unter unerklärlichen körperlichen Beschwerden leiden. Die Freundin mit der chronischen Migräne. Die Kollegin mit dem Reizdarmsyndrom. Die Nachbarin mit der Fibromyalgie. Was hatten meine körperlichen Beschwerden der letzten Jahre damit zu tun? Wie viele Symptome sind eigentlich unterdrückte Wut, die keinen anderen Ausweg findet?

Die befreiende Kraft der Wut

Der Song von YAENNIVER spricht mir aus der Seele, weil er diese verdrängten Gefühle endlich benennt und ihnen Raum gibt. Er erlaubt MIR und uns Frauen, wütend zu sein – ohne Entschuldigung, ohne Abschwächung.

Und genau das brauchen wir, das brauche ich: Die Erlaubnis, unsere Wut zu spüren und zu zeigen. Nicht als destruktive Kraft, sondern als Katalysator für Veränderung. Als „Antenne“, die uns zeigt, wo etwas nicht stimmt. Als Energie, die uns antreibt, für uns selbst einzustehen.

Wut kann heilsam sein, wenn wir sie richtig nutzen. Sie kann uns helfen, alte Verletzungen zu verarbeiten. Sie kann uns die Kraft geben, Grenzen zu setzen. Sie kann uns verbinden in unserer gemeinsamen Erfahrung.

Von der Wut zur Veränderung

Yeannivers Song setzt meine Wut frei. Das Lied wird tagelang zu meinem Begleiter. Ich überlege, was ich mit dieser Energie tun werde. Welche Grenzen ich setzen muss. Welche Veränderungen ich anstoßen will. Dieser Blog ist ein Ergebnis dieses Prozesses.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir „Angry Women“ uns zusammentun. Dass wir unsere Wut nicht mehr verstecken, sondern sie als das anerkennen, was sie ist: ein gesunder Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt – nicht mit uns, sondern mit einer Gesellschaft, die uns für unsere natürlichen Reaktionen auf Ungerechtigkeit verurteilt.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir verstehen: Unsere Wut ist nicht das Problem. Sie ist der Anfang der Lösung.