Sätze, die wir Frauen nicht mehr hören wollen: Ein Blick auf Alltagssexismus durch Sprache

Unsere Sprache ist weitaus mehr als nur ein Kommunikationsmittel – sie formt unsere Realität, prägt unser Denken und spiegelt gesellschaftliche Strukturen wider.

Besonders deutlich wird dies bei Sätzen, die wir Frauen im Alltag immer wieder zu hören bekommen. Diese scheinbar harmlosen Aussagen entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als Manifestationen von Alltagssexismus, die Stereotype festigen und zur Marginalisierung beitragen.

Was Frauen wirklich nicht mehr hören können

In einer kleinen Umfrage auf Instagram habe ich Frauen gefragt, welche Sätze sie nicht mehr hören können. Die Resonanz war sofort da – hier sind einige der Beispiele:

  • „Wenn du lächelst, siehst du viel schöner aus.“
  • „Du bist so emotional.“
  • „Du bist so kompliziert.“
  • „Hab´ dich doch nicht so!“
  • „Hast du deine Tage oder warum bist du so zickig?“
  • „Du bist ja eh´ immer schwanger“

Diese Sätze sind keine Einzelfälle, sondern Teil eines größeren Musters. Sie enthalten verborgene Botschaften, die leider – immer noch !- tief in unserer Gesellschaft verankert sind:

Weitere typische Aussagen, die Frauen regelmäßig begegnen:

  • „Du solltest mehr lächeln.“ – Als ob das emotionale Wohlbefinden anderer die Verantwortung von uns Frauen wäre.
  • „Das ist aber ein männlicher Beruf/Hobby.“ – Eine subtile Grenzziehung, was für Frauen „angemessen“ sei.
  • „Für eine Frau machst du das aber gut.“ – Ein „Kompliment“, das gleichzeitig die Erwartung niedrigerer Fähigkeiten bei Frauen impliziert.
  • „Wer kümmert sich um die Kinder, wenn du arbeitest?“ – Eine Frage, die Männern selten gestellt wird.
  • „Das musst du deinem Mann/Freund aber erst erlauben lassen.“ – Die Annahme, dass Frauen nicht autonom entscheiden.
  • „Du klingst wie eine typische Feministin.“ – Oft als Abwertung verwendet, um berechtigte Kritik zu delegitimieren.

Ich habe am eigenen Leibe erlebt, wie prägend diese Sätze für mein Leben waren. In meinem ersten Anstellungsverhältnis als 23 jährige junge Frau in einer PR-Agentur hat mir mein Chef ein halbes Jahr nach meinem Berufsstart beim Lesen eines Pressetextes, den ich verfasst hatte, den Satz um die Ohren geknallt „Na ja, eingestellt haben wir dich ja sowieso eher nach deinem Aussehen…“. Wums! Das hat reingehauen, nachdem ich vorher an allen Journalistenschulen abgelehnt worden war, gab mir das noch mal „Brief und Siegel“ für meine Unfähigkeit, zu schreiben oder überhaupt was zu können. Die Wirkung hält bis heute an… (und es kamen noch viele Sätze danach dazu!)
Einen ähnlichen Satz habe ich vor ein paar Tagen von der Influencerin Alexa van Heyden gehört, die von ihrem Chefredakteur den Kommentar bekam: „Du bist schön, aber schreiben kannst du nicht.“

Die Wissenschaft hinter dem Alltagssexismus

Die Auswirkungen dieser Sprachmuster sind nicht zu unterschätzen. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus 2023 erleben 90% der Frauen in Deutschland verbale Formen von Alltagssexismus. Die psychologischen Folgen sind real:

  • 68% der betroffenen Frauen berichten von negativen Auswirkungen auf ihr Selbstwertgefühl
  • 42% geben an, dass diese Erfahrungen ihre berufliche Selbstwirksamkeit beeinträchtigen
  • 73% haben Strategien entwickelt, um bestimmten Situationen auszuweichen, in denen sie Sexismus erwarten

Die Linguistin Dr. Luise F. Pusch analysiert seit Jahrzehnten, wie Sprache Geschlechterverhältnisse prägt. Dabei wird klar, dass Sprache nicht nur ein Spiegel der Gesellschaft, sondern auch ein Werkzeug ist, mit dem wir die Gesellschaft formen.

Mikro-Aggressionen mit Makro-Wirkung

Was diese Sätze so tückisch macht, ist ihre scheinbare Harmlosigkeit. Oft als Scherz oder Kompliment getarnt, fallen sie in die Kategorie der „Mikro-Aggressionen“ – kleine, oft unbewusste Äußerungen, die diskriminierende Botschaften transportieren.

Die Psychologin Dr. Derald Wing Sue beschreibt Mikro-Aggressionen als „alltägliche verbale, nonverbale und umweltbedingte Kränkungen, Beleidigungen und Herabwürdigungen, ob intentional oder nicht, die feindliche, abwertende oder negative Botschaften an Zielpersonen allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit vermitteln.“ 1

Sprachliche Gewalt im digitalen Raum

Im digitalen Zeitalter hat Alltagssexismus neue Dimensionen angenommen. Die Kommentarspalten unter Beiträgen von Frauen in sozialen Medien sind oft geprägt von sexistischen Bemerkungen wie:

  • „Typisch Frau, keine Ahnung, aber Hauptsache mitreden.“
  • „Sie sollte lieber in der Küche bleiben als ihre Meinung zu äußern.“
  • „Was erwartest du mit diesem Profilbild/Outfit?
  • „Typische Frauenlogik“
  • „Jetzt spielt sie wieder die Opferkarte“
  • „Wenn sie so aussieht, sollte sie froh sein, überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen“
  • „Die braucht nur mal einen richtigen Mann, dann hört das Gejammer auf“

Feministische Influencerinnen sind echte Opfer dieser verbalen Aggressionen und leiden darunter. Die Kommentare sind oftmals viel, viel krasser und als echte sprachliche Gewalt zu bezeichnen.

Diese digitale Dimension des Alltagssexismus führt leider auch dazu, dass Frauen sich aus öffentlichen Diskussionen zurückziehen. Auch ich habe bisher nicht den Mut gehabt, mich feministisch zu äußern aus Angst vor Anfeindungen und verbaler Gewalt.

Gegenstrategien?

Wie reagieren wir auf diese Sätze, die wir nicht hören wollen, die uns klein halten, bewerten, diskriminieren, verletzen?
Eine Followerin fragte mich, ob man ebenso mit Hass, Verbitterung, Anfeindung reagieren sollte oder wie man es schaffe, dabei in der Liebe zu bleiben?
Damit eines klar ist: Wir Frauen müssen nicht immer in der Liebe bleiben, wird dürfen und sollen bzw. müssen uns wehren, es ansprechen, aussprechen, verbieten, stoppen.
Doch wir haben die Aufgabe, gut für uns uns unseren Energiehaushalt und Seelenfrieden zu sorgen. Meine Idee:

  • Nachfragen: „Was meinst du damit jetzt genau?“
  • Spiegeln: „Ist dir bewusst, wie das klingt, was du da sagst?“
  • Grenzen setzen: „Solche Kommentare möchte ich nicht hören. Hör´ auf damit. Entschuldige dich dafür“
  • Humor einsetzen: Manchmal kann eine humorvolle Reaktion Spannungen lösen und gleichzeitig die Problematik aufzeigen.
  • Rollentausch: Den anderen so behandeln, kommentieren, wie er es mit dir gemacht hat.

Wenn Wut hoch kommt, ist das normal und gut. Wir dürfen wütend sein, die Faust in der Tasche haben. Atmen hilft, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen.

Was sind deine Erfahrungen mit solchen Sätzen? Hast du eigene Strategien entwickelt, um mit Alltagssexismus umzugehen? Teile deine Gedanken in den Kommentaren, schreibe mir eine Mail und werde Teil der Diskussion.
Und empfehle diesen Blog gerne weiter! Danke!

Wichtig ist, dass wir uns mitteilen und miteinander teilen, was wir erleben, fühlen und wie wir heilen können.


Über mich: Als „Happy Feminist“ möchte ich Frauen auf meiner Reise in die Frauenbewegung mitnehmen. Dieser Blog „Read-Feel-Heal“ soll ein Raum sein, in dem wir gemeinsam lesen, fühlen und heilen können.

  1. Sue, D. W. (2010). Microaggressions in Everyday Life: Race, Gender, and Sexual Orientation ↩︎